Nackt war gestern
An diesen Nagetieren scheiden sich die Geister: Die einen empfinden sie als das Höchstmaß an Hässlichkeit, für die anderen sind sie absolut faszinierende Kreaturen.
Veröffentlicht
01.04.2026
Das Team des Aquazoo Löbbecke Museum zählt sich eindeutig zur zweiten Gruppe – schließlich lassen sich über die unterirdisch lebenden Nager aus der Familie der Sandgräber (Bathyergidae) geradezu unglaubliche Geschichten erzählen.
So leben Nacktmulle in hochkomplexen Kolonien, die von einer Königin angeführt werden. Dieses royale Oberhaupt verbringt den lieben langen Tag damit, sich verwöhnen und von ausgewählten männlichen Artgenossen begatten zu lassen. Die übrigen Weibchen der Kolonie werden durch die Königin permanent gestresst, so dass sie gar nicht erst in den Östrus kommen und als alternative Geschlechtspartnerinnen ausscheiden.
Darüber hinaus scheinen die Nager weder Krebs zu entwickeln, noch Schmerzen in einem für andere Säugetiere typischen Ausmaß wahrzunehmen. Kurz gesagt: hochspannende Tiere.
Umso befremdlicher war es für die Mitarbeitenden des Aquazoo zu erfahren, dass ausgerechnet die so faszinierenden Nacktmulle bei einigen Besucherinnen und Besuchern für Empörung und Unverständnis sorgen. Immer häufiger wurde das beinahe schon obszön nackte Erscheinungsbild der kleinen Kerlchen kritisiert.
Dabei ist die fehlende Körperbehaarung eine perfekte Anpassung an ihren natürlichen Lebensraum: Unter der Erde ihres ostafrikanischen Lebensraums herrschen gleichbleibend warme Temperaturen, ein Fell ist schlicht überflüssig. Und da die Natur bekanntlich nichts verschwendet, wurde es – bis auf wenige, einzeln stehende Tasthaare – einfach eingespart. Genau dieser Umstand sorgt nun jedoch für Aufsehen.
„Zunächst waren es einzelne Beschwerden per E-Mail“, berichtet Aquazoo-Direktor Dr. Jochen Reiter. „Doch bald schon wurde unser Personal regelmäßig gefragt, wie wir Tiere in dieser völligen Nacktheit überhaupt zeigen könnten.“ Die Kritik habe sich schließlich wie ein Lauffeuer verbreitet und erreichte ihren Höhepunkt, als rund 50 Demonstrierende zwei Wochen lang gegen das Fassadenbanner am Aquazoo vor dem Nacktmull-Motiv protestierten. Da war dann der Punkt erreicht, an dem wir klein beigeben mussten. Natürlich möchten wir die Natur unverfälscht präsentieren, aber offenbar überschreiten wir im Falle der Nacktmulle für manche eine moralische Grenze.“
Gemeinsam mit seinem Team suchte Dr. Reiter nach einer Lösung, die für alle Beteiligten – insbesondere für die Tiere – zumutbar ist. Unterstützung kam dabei überraschend vom Hersteller der Aquazoo-Dienstkleidung. Kurzerhand wurden Polohemden in der Größe XXXXS produziert: winzig klein, aber groß genug, um die heikelsten Bereiche des Mullkörpers dezent zu bedecken. „Es war gar kein Problem, den Tieren diese Hemdchen anzuziehen“, so Reiter.
Inzwischen haben sich alle Beteiligten an die neue Situation gewöhnt. Die Nacktmulle scheint das Outfit nicht im Geringsten zu stören, und im Team des Aquazoo freut man sich über die neuen, leicht bekleideten „Kollegen“. Ob die Maßnahme auch die Gemüter der Gäste beruhigt, wird sich nach Abschluss der aktuell laufenden Teilsanierung im Landbereich zeigen – wenn die Kolonie wieder in die Ausstellung einzieht.